Audience Development - Zukunftsperspektiven

Ende Mai 08 fand in Linz eine von der Joanneum Academy organisierte Tagung zum Thema "Audience Develpment" statt. Diese machte klar, daß dieser Begriff in Österreich und Deutschland noch kaum bekannt und etabliert ist. Prof. Klaus Siebenhaar aus Berlin legte die Rahmenbedingung für Audience Development fest, die für ihn die "Haltung und die Arbeit einer ganzen Institution" und eine "mentale Ausrichtung" sind. "Hand, Herz und Können" müssen laut Siebenhaar dabei sein ebenso wie die Überzeugung des Dirkektors, sonst sei es eine Alibiveranstaltung. Hinsichtlich dieses ganzheitlichen Ansatzes von Audience Development war es schade, daß sich das Publikum zum Großteil aus KunstvermittlerInnen zusammensetzte. Wenige waren aus dem Bereich Marketing, Kuratoren waren kaum vertreten. Sehr anschaulich hat die Zusammenarbeit der verschiedenen Museumsbereiche (Kuratoren, Marketing, Kunstvermittlung) Mary Kershaw mit der Arbeit des York Museum Trust veranschaulicht, der in den letzten Jahren die York Art Gallery erneuert und beispielsweise durch Neuaufstellung der Sammlulng und Hands on Bereiche publikumsfreundlicher gestaltet hat. Zwei der Grundlinien des York Museum Trust lauten: "The collections are the heart of the Trust" und "All works on the collections have a public outcome".
Ein sehr gutes Beispiel für den Versuch von Audience Development gab Katharina Iber von der Kinderuni Wien. Sie stellte die Strategie vor, wie die Kinderuni durch den Besuch von Parks und Spielplätzen der Randbezirke Wiens mit Wissenschaftsboxen versucht, Kinder mit migrantischem Hintergrund anzusprechen. Hilfreiche Arbeitsmaterialien zur Entwicklung von einer Audience Development Strategie brachte Graham Black mit.
Provokant im Titel aber kaum mit Antworten versehen war der Vortrag "Pädagogik und Marketing - Konkurrenten oder Partner?" von Renate Wohlfarth. Meiner Meinung nach könnte ein Grund für die oft schwierige Zusammenarbeit dieser beiden Abteilungen darin liegen, daß die Kunstvermittlung oder Museumspädagogik eine noch relativ junge Disziplin ist, die oft als eigener Teil statt integraler Bestandteil der Museumsarbeit gesehen wird.
Eine Definition, was Audience Development genau meint, konnte in den zwei Tagen laut Moderatorin Gabriele Stöger nicht gefunden werden. Begriffe wie Besucherservice, Managementstrategie oder Besucherzahlen konnten der Audience Development nicht eindeutig zugeschrieben werden. Ich denke, es handelt sich dabei um ein publikumsorientiertes Arbeiten, das alle Abteilungen eines Museums betrifft und das innerhalb der Institution bei einer intensiven Zusammenarbeit reflektiert werden sollte. Eventuell dauert es noch länger, bis sich der Begriff und die damit verbundene Vorgehensweise im deutschsprachigen Raum durchsetzt.
Christian (Gast) - 6. Jun, 22:20

Danke Elisabeth für den Bericht. Ich finde es ja schon toll, dass es zu diesem Thema eine Veranstaltung in Österreich gab. So selbstverständlich ist das nicht.

Aber ich denke, Du liegst mit Deiner Prophezeiung richtig, dass es noch etwas dauert, bis das Thema im deutschsprachigen Raum angekommen ist. Es ist ja nicht das einzige. :-)

JB (Gast) - 8. Jun, 01:11

Was ist AD?

Ich finde die Antwort relativ einfach. Audience Development bedeutet
a) bestehende Kunden-/Besucherkreise dazu zu animieren, etwas für die Institutionen zu tun, die sie gerne besuchen und
b) neue Kunden/Besucher zu gewinnen.

Wo ist das Problem?

Vielleicht ist es nur das Problem, dass viele altehrwürdige Museumsinstitutionen es nicht für notwendig erachten, Besucher als Kunden zu begreifen. Als Könige, die einem sehr viel mehr geben können als öffentliche Fördersäckel.

Fehlt's mir an Problembewußtsein?

Christian (Gast) - 15. Jun, 07:20

Das Problem ist, denke ich, nicht so sehr das "was", sondern das "warum" und das "wie".

Tatsache ist, dass der deutschsprachige Raum ein anderes Verständnis von Museum hat als der angelsächische. Hier agieren Museen eher angebotsorientiert, dort eher nutzerorientiert.

Mit diesem Denkansatz ist es einfach schwierig, AD zu implementieren, weil ich ja die Notwendigkeit unter Umständen gar nicht erkenne. In Verbindung mit der oft propagierten Zweckfreiheit der Kunst ist es dann - aus verständlichen Gründen - unmöglich, AD zu "leben".
Elisabeth Ihrenberger - 16. Jun, 09:50

Lieber Christian, lieber J.B., zurück aus den Schweizer Bergen kann ich euch endlich antworten. Ich denke, daß die Schwierigkeit der Umsetzung von AD bei uns vor allem am Selbstverständnis der Institutionen liegt, die zu sehr auf sich selbst konzentriert sind und ihre Wissenschaftlichkeit bedroht sehen. Diese Woche gabs ja z.B. in der demuseum Mailinglist wieder ein gutes Beispiel dafür, als es nämlich um die Frage ging, wie und ob Museen in Wikipedia vertreten sein sollen.

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